Gäubote Herrenberg 21.08.2012
Wo ein König ein gewöhnlicher Bauer war

Geschichten aus der Geschichte: Historisches rund um den Herrenberger Stadtwald

Forstdirektor a. D. Hansjörg Dinkelaker (Zweiter von links) und Revierförster a. D. Erwin Falter (links) kennen den Schönbuch wie ihre Westentasche GB-Foto: Holom

Es ist ja kein Geheimnis: Das Thema Nachhaltigkeit ist ein ureigenes Anliegen der Forstwirtschaft. Allein aus diesem Grund ist ein Waldspaziergang per se schon ein „Eintauchen“ in die Geschichte. Wenn darüber hinaus Forstdirektor a. D. Hansjörg Dinkelaker der Exkursionsleiter ist und zugleich Revierförster a. D. Erwin Falter an diesem Rundgang teilnimmt, dann wird daraus natürlich eine Geschichte aus der (Stadtwald-)Geschichte.


Sabine Haarer

„Wieso heißt denn der Königsrain wohl Königsrain?“ Gleich mit seiner ersten Frage hat Hansjörg Dinkelaker seine Begleiter auf dem falschen Fuß erwischt. Denn die Spekulationen über die Namensgebung führen alle in eine Richtung. „Vielleicht gehörte der Wald mal dem König“, versucht sich einer aus der Gruppe an einer Erklärung für den erhabenen Namen. Andere sehen hier vor ihrem geistigen Auge Wilhelm II. samt seinem Gefolge entlangreiten oder auf die Jagd gehen. Doch so schön diese Szenarien wären: Die Wirklichkeit ist weniger schillernd. „Es gab in Herrenberg früher einen Bauern, der hieß König. Und der hatte hier sein Grundstückle.“ Die etwas ungläubigen Gesichter ringsherum lassen Hansjörg Dinkelaker schmunzeln. Der Einstieg in die Exkursion – und das Thema, mit dem dieser Waldspaziergang überschrieben ist – ist geglückt.

„Die Entwicklung des Stadtwaldes“ möchte Dinkelaker skizzieren und dabei tief in die Vergangenheit eintauchen. Denn neben der Forstwirtschaft zählt die (Forst-)Geschichte zu einer weiteren Leidenschaft des Forstdirektors a. D. Im Herrenberger Stadtwald kennt er sich so gut aus wie in seiner Westentasche. Oder wie Erwin Falter, Revierleiter a. D. im Herrenberger Wald. Jahrelang haben die beiden ihre Arbeitstage im Stadtwald verbracht. Hansjörg Dinkelaker in den Jahren 1971 bis 2000, Erwin Falter von 1977 bis Ende Mai des vergangenen Jahres. Ihr Wissen um die Waldgeschichten und -geschichtle reicht aber viel weiter zurück. Auf der Exkursion, die vom Arbeitskreis „Energie und Ökologie“ der Freien Wähler und dessen Sprecher Wolfgang Wacker initiiert wurde, erzählen sie einen kleinen Teil davon.

„Königsrain“ war Schafweide

„Der Weg hier ist die alte Waldgrenze“, sagt Hansjörg Dinkelaker. Der „Königsrain“, er war einmal eine Schafweide. Ein Wall samt Palisadenzaun war von den Landwirten einst gebaut worden und umfasste den gesamten Schönbuch. So wurde verhindert, dass das Wild den Wald verließ und zum Fressen auf die Äcker kam. Alte Aufzeichnungen lassen darauf schließen, dass Wall und Zaun schon im 13. Jahrhundert vorhanden waren. 1856 wurde die Schafweide aufgehackt und aufgeforstet. Bis hinüber zum Alten Rain wurden Kiefersamen ausgestreut. „In den Unterlagen steht, dass die Kiefern gut gewachsen sind“, weiß Hansjörg Dinkelaker. Doch dann kam das Jahr 1886. „Zuerst schneite es. Dann kamen Regen und Eis und das ganze Gelumpe ist zusammengefroren.“ Der Schnee setzte wieder ein, türmte eine ein Meter dicke Schneeschicht auf die Eisschicht. Am Ende brach ein Großteil der Kiefern zusammen. „In die Löcher wurde Laubholz gesät und gesetzt. Heute haben wir hier einen Naturwald par excellence“, schwärmt der Experte.

 

Von diesem Mischwald geht es weiter zum Schälwaldsträßle. Rechts stehen mächtige Eichen, darunter wachsen kleine Eichensprosse heran. Die eingezäunte Fläche zählt zum Gültsteiner Wald. Aus historischer Sicht jedoch ist die Waldfläche links des Sträßles bedeutsamer. Denn wie schon der Name „Schälwald“ besagt, wurden hier früher die Bäume geschält. Die Eichenrinde wurde an die Herrenberger Rotgerber verkauft, die damit ihre Tierhäute gerbten. „Mit dem Räppeleisen wurde die Schälware gewonnen. Das Holz ließ man stehend abtrocknen und verkaufte es dann als Pfahlholz oder Brennholz an die Bürger“, erzählte Hansjörg Dinkelaker. Viele Jahre lang wurde diese Sonderbewirtschaftung im Stadtwald betrieben. Bis es in den Jahren um 1850/52 zu einem „großen Krach“ kam. „Die Stadt merkte, dass bei den Rindenauktionen im Unterland viel mehr Geld bezahlt wurde für die Rinde als hier vor Ort. Daraufhin verlangte man von den Herrenberger Gerbern höhere Preise.“ Dieser Aufschlag zog einen Streit nach sich, der fast zwanzig Jahre dauern sollte. Mit einem betrüblichen Ende für die Rotgerber in der Stadt: Das Rindenschälen in diesem Teil des Schönbuchs wurde eingestellt.

 

Weitere Stationen auf dem Waldspaziergang waren unter anderen der Obere und der Untere Weiher, der dahinter liegende „Erlenberg“ und der Schonwald Mähdertal. Die beiden Weiher wurden im Jahr 1992 als Ausgleichsmaßnahme für den Bau der Hildrizhauser Straße quer durch den Schönbuch angelegt. „Alles, was hier wächst, hat die Natur selbst gebracht. Hier wurde nichts gepflanzt“, weiß Erwin Falter. Um die ökologische Vielfalt zu erhalten, müssen die „Tümpel“ nur regelmäßig gepflegt werden. Die Bodenbeschaffenheit garantiert, dass sich das Wasser lange im Weiher hält. Auf dem Boden der Weiher, in knapp 70 Zentimeter Tiefe, befindet sich Stubensandstein, der „voll mit Grundwasser ist“. Was den Weihern zugutekommt, macht dem dahinter liegenden „Erlenberg“, in früheren Karten als „Örlinsberg“ eingetragen, seit jeher zu schaffen. In den Forstunterlagen ist vermerkt, dass in den Jahren 1820 bis 1870 immer Klagen über „versumpfte, nasse Flächen“ in diesem Bereich laut wurden. Um die Waldfläche zu entwässern, wurden „Kulturgräben“ gezogen, deren Verlauf sich heute noch erkennen lässt. „Die Gräben wurden von Hand ausgehoben und sind kilometerlang“, weiß Hansjörg Dinkelaker. Für die Arbeit wurden Sträflinge eingesetzt. „Anstatt in den Knast kamen sie in die Kolonnen, die von den Förstern beaufsichtigt wurden.“ „Auch damals galt schon: Schwitzen statt sitzen“, so der scherzhafte Kommentar von Erwin Falter. Standen zu wenig Sträflinge zur Verfügung, schrieb die Stadt die Arbeiten aus. Lohnlisten aus der damaligen Zeit zeigen, dass Frauen und Männer unterschiedlich verdient haben. Ebenso Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren und Kinder unter 14 Jahren. Kinderarbeit war damals gang und gäbe.

Als der Kaiser wutentbrannt ging

Um die Besonderheiten der letzten Station weiß Hansjörg Dinkelaker nicht nur aus den Forstunterlagen, sondern aus seiner eigenen Familiengeschichte. „Mein Urgroßvater war Forstmeister in Weil im Schönbuch. Er stand mit dem Kaiser hier im Stand“, erzählt der Forstdirektor a. D. am „Kaiserstand“ im Mähdertal. „Elendes Sauwetter“ habe den einzigen Jagdausflug von Kaiser Wilhelm II. im Schönbuch zu einem Desaster werden lassen. „Höchst ungehalten“ habe der Ehrengast reagiert, weil er nur zwei Hirsche schießen konnte und die Treiber sich aus dem Staub machten. „In Breitenholz hatte man ein Bankett vorbereitet, aber der Kaiser ließ es stehen und haute beleidigt zu seinem Vetter nach Hechingen ab“, gab Hansjörg Dinkelaker schmunzelnd die Erzählungen seines Urgroßvaters zum Besten.

 


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